Am 27. Januar steht Potsdam im Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der bundesweite Gedenktag erinnert seit 1996 jährlich an die Verbrechen des NS-Regimes. Mit der Gedenkstätte Lindenstraße ist Potsdam dabei eng verbunden: Der Haft- und Justizort Lindenstraße 54/55 gilt als zentraler Ort nationalsozialistischer Gewalt in der Stadt.
Den Auftakt bildet ab 15 Uhr die zentrale Gedenkveranstaltung der Landeshauptstadt Potsdam und der Fördergemeinschaft „Lindenstraße 54“ im Hof der Gedenkstätte. Im Anschluss daran folgt ab 16 Uhr im großen Saal eine Lesung aus dem Buch „Die Jacobsleiter – Erinnerungen eines Shoah- und Gulag-Überlebenden“ von Jacob Shepetinski, der von 1920 bis 2020 lebte.
Gelesen wird der Text vom Schauspieler Alexander Bandilla. Das Buch schildert den Lebensweg Shepetinskis, der 1941 die deutschen Massaker an der jüdischen Bevölkerung in Weißrussland überlebte, bei denen seine gesamte Familie ermordet wurde. Er schloss sich zunächst sowjetischen Partisanen an und kämpfte später in der Roten Armee bis nach Deutschland.
Nach Kriegsende blieb Shepetinski in Brandenburg und arbeitete aufgrund seiner Deutschkenntnisse als Übersetzer für den sowjetischen Geheimdienst. Er war an Verhören von NS-Kriegsverbrechern im Rahmen der Entnazifizierung beteiligt, aber auch an Vernehmungen politischer Gegner während der Durchsetzung der stalinistisch geprägten kommunistischen Diktatur. 1946 wurde er selbst verhaftet, im Gefängnis Lindenstraße inhaftiert und wegen angeblichen Landesverrats zu zehn Jahren Haft verurteilt. Acht Jahre verbrachte er in Lagern im Nordural.
Später emigrierte Shepetinski nach Israel. 1973 sagte er in Hamburg als Zeuge in einem Gerichtsprozess gegen den Verantwortlichen der Massaker in seiner Heimatstadt aus. In seinem 2002 veröffentlichten Buch beschreibt er eindrücklich die eigene Verfolgung und das Schicksal seiner Familie.
Der Eintritt zur Lesung ist frei. Eine Anmeldung ist per E-Mail an [info@gedenkstaette-lindenstrasse.de] möglich.